Auf der Frankfurter Buchmesse 2012 – Wie werde ich Schriftsteller?

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Gestern zum ersten Mal auf der Frankfurter Buchmesse gewesen. Ich hatte es immer schon vor, es hatte sich aber nie ergeben. Nun passten die Umstände und ich habe es nicht bereut. Im Gegenteil.

Die Entscheidung fiel spontan am vergangenen Mittwochabend, am darauf folgenden Freitag morgens früh von Berlin mit dem Zug nach Frankfurt zu fahren und am Abend wieder zurück (die Fahrt dauert jeweils gut vier Stunden).

Erst nach der Online-Buchung der Fahrt bemerkte ich auf der Homepage der Buchmesse, dass Freitag noch für Fachbesucher reserviert war. Meinen Presseausweis hatte ich aber für dieses Jahr nicht verlängern lassen, weil ich ihn eh eigentlich nie brauche. Ich hatte also Sorge, vielleicht umsonst die Fahrt und die Kosten auf mich zu nehmen und am Eingang abgewiesen zu werden.

Also rief ich am Donnerstag die auf der Homepage angegebene Servicenummer an und hatte eine freundliche Dame am Apparat. Ich erklärte ihr die Situation und sie ermutigte mich, dies am Desk auch so anzugeben und wünschte mir einen schönen Tag auf der Messe.

Es war dann wirklich völlig unproblematisch, als Journalist auf die Messe zu kommen. Die Mitarbeiterin vor Ort störte sich nicht an dem abgelaufenen Datum auf meinem Ausweis und verteilte auch an andere wartende Journalisten großzügig ohne groß auf die Ausweise zu schauen die Pressekarten. Ich musste niemanden davon überzeugen, dass ich berechtigt war, als Journalist die Messe zu besuchen. Sehr sympathisch.

Ich staunte dann nicht schlecht, wie viele Leute in den Hallen unterwegs waren, Leute, die angesichts ihres Alters (sehr jung oder sicher im Rentenalter) unmöglich Journalisten oder Fachbesucher sein konnten.

Wie ich später von einem Buchhändler erfuhr, sehen die Veranstalter das auch nicht so eng. Er hatte einen Kunden, der nur am Freitag konnte, und so erklärte er ihn kurzerhand in einem Schreiben zu seinem Mitarbeiter. Aber mir scheint, dass dies schon mehr Aufwand war als nötig. Wer (unbedingt) rein will, kommt rein.

Das ist auch in Ordnung so. Nur Fachleute und Journalisten unter sich wären auf einer Buchmesse ziemlich dröge. Eine Buchmesse ist eine Publikumsmesse. Die Leser sind doch die Wichtigsten für die Branche!

Also rein in’s Getümmel und erst einmal ins Pressezentrum gegangen, um den Katalog mit den Veranstaltungsterminen zu besorgen. Denn die Messe ist so groß und es gibt jeden Tag so viele Events, dass man unbedingt eine Vorauswahl treffen muss. (Das kann man auch online auf der Seite der Messe tun, ich hatte mir dort vorher aber nur einen schnellen Überblick verschaffen können.)

Bevor ich ins Pressezentrum ging, stolperte ich noch über Nobelpreisträger Joseph Stiglitz, der gerade am Stand der Wochenzeitung DIE ZEIT zu Gast war. Dass jemand Besonderes da sein musste, erkannte man schon daran, dass sich eine große Menschentraube um den Stand gebildet hatte.

Stiglitz hat wie alle Promis auf der Messe sein aktuelles Buch zu präsentieren: Der Preis der Ungleichheit: Wie die Spaltung der Gesellschaft unsere Zukunft bedroht.

Als ich vorbeikam, hörte ich ihn gerade Brasilien loben, ein Land, das vor zwanzig Jahren begonnen habe, die krassen Unterschiede zwischen Arm und Reich zu bekämpfen. Sie seien immer noch groß, aber der Trend gehe dahin, sie durch eine wachsende Mittelschicht einander anzunähern. Im Westen dagegen laufe der Trend in die andere Richtung, allen voran in den USA. Daher riet er allen Volkswirtschaften entschieden davon ab, den USA nachzueifern. (Aber wer tut das heutzutage noch? Die USA sind doch längst kein Vorbild mehr.)

Brasilien laut Stiglitz also ein Vorbild. Und die skandinavischen Länder ebenso, die sich nach 2008 als krisenfest erwiesen hätten.

Die Krise, klar musste die auch angesprochen werden. Die USA und Europa hätten nicht genug getan, um die Finanzwelt endlich in ihre Schranken zu verweisen, wenngleich er Obama kein ganz schlechtes Zeugnis ausstellen wollte. Der habe Einiges erreicht. Freilich hätten sich alle mehr von ihm versprochen. Die Enttäuschung sei groß. Aber lieber Obama als Mitt Romney, gab er zu verstehen.

Auf die Frage, ob Stiglitz in puncto „weiterer Verlauf der Krise“ denn eher optimistisch oder pessimistisch sei, erklärte er sich zu einem „vorsichtigen Optimisten“. Das klang aber beunruhigend vorsichtig. Und Stiglitz ist schließlich US-Amerikaner. Die sind im Zweifelsfall immer eher optimistisch als pessimistisch.

Nicht zufällig steuerte ich später den Stand der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an. Dort war Martin Walser angekündigt, einer der bekanntesten und produktivsten lebenden Schriftsteller im deutschsprachigen Raum.

Gleich zu Beginn wurde er von der Moderatorin gefragt, wie er den jüngst verkündeten Literatur-Nobelpreis für den Chinesen Mo Yan bewerte. Die Wahl hatte einige Kritik hervorgerufen. Kritiker werfen dem Schriftsteller vor, zu systemtreu zu sein.

Ich kann es nicht beurteilen. Aber Martin Walser kennt Mo Yan gut, auch persönlich, und hat viel von ihm gelesen und erklärte sinngemäß, wenn das Nobelpreis-Komitee denn mal eine gute Wahl getroffen habe, dann sei es diese. Keiner sei ein würdigerer Preisträger als er, weil er ein großartiger Schriftsteller sei.

Walser äußerte sich abfällig über die Meinungsmedien, die von einem Schriftsteller immer gleich eine bestimmte Art politischen Engagements verlangen würden. Ein Schriftsteller sei aber zuallererst eben ein Schriftsteller und kein Politiker. (Das ist meine sinngemäße Wiedergabe seiner Worte, die ich nicht mitgeschrieben habe.)

Walser erzählte dann viel und sehr amüsant und offen über seinen neuen Roman Das dreizehnte Kapitel, wo es um die Beziehung zwischen einem verheirateten Katholiken und einer verheirateten Protestantin geht. Nun gut, dafür interessieren sich auf Anhieb vermutlich nur Leute, die eine entsprechende Sozialisation im Kirchenmilieu erfahren haben und diese Art von konfessionell geprägten Konflikten nachvollziehen können.

Interessanter fand ich, was er über’s Schreiben sagte. Er fange ein Werk immer an, ohne vorher das Ende zu kennen. Er lasse sich gewissermaßen von der Geschichte selbst treiben und sei immer selbst gespannt, wohin das Ganze am Ende führen würde.

Von der Moderatorin ließ er sich entlocken, dass er bereits an seinem nächsten Werk sitzt, das nächstes Jahr rauskommen wird und verriet schon den Titel: Meßmers Momente, sein dann schon drittes Meßmer-Buch. Das hat er anderswo aber auch schon verraten. Jetzt rezitierte er darüber hinaus noch den ersten und den letzten Satz des Buches. Den letzten – interessant. Den weiß er schon, obwohl er beim Schreiben das Ende doch noch gar nicht kennt. Dieser letzte Satz konnte aber auch alles bedeuten.

Die Buchmesse hat jedes Jahr ein Land als Ehrengast. Diesmal ist es Neuseeland. Nächstes Jahr ist es Brasilien. Auch aus diesem Grund wollte ich dem Brasilienstand mal einen Besuch abstatten. Außerdem war eine Veranstaltung angesetzt, auf der ein Überblick über die derzeit größten Erfolge auf dem brasilianischen Buchmarkt gegeben werden sollte.

Auf den Buchcharts der letzten Septemberwoche waren vor allem internationale Titel, wie Shades of Grey, das auch in Deutschland für Furore sorgte. Einziger brasilianischer Top-Seller ist natürlich Paulo Coelho, der leider nicht auf der diesjährigen Messe ist.

Die Top-20 Liste mit den meistverkauften brasilianischen Büchern enthält vor allem viel Ratgeber-Literatur und Autobiographisches von brasilianischen TV- und/oder Wirtschaftsgrößen. Zeug, das außerhalb Brasiliens wohl kaum jemanden interessieren dürfte.

Umgekehrt sei Brasilien theoretisch ein großer Markt, der durchaus Potential nach oben habe, erklärte der Referent. Doch das könne erst gelingen, wenn das Bildungssystem entsprechende Leser hervorbringe. Trotz einer inzwischen geringen Analphabetenrate ist – wie mir der Vortragende auf Nachfrage erklärte – die Zahl der funktionalen Analphabeten sehr hoch. Millionen Menschen haben zwar Lesen und Schreiben gelernt, aber sie beherrschen es sehr schlecht und nehmen nie ein Buch in die Hand (außer der Bibel, würde ich ergänzen), geschweige denn, dass sie es lesen.

So wird Brasilien im nächsten Jahr als Ehrengast der Buchmesse nicht viel mehr als Superstar Paulo Coelho präsentieren können, der mittlerweile in Genf lebt. Aber das reicht ja auch. Coelho wird einfach für die fünf Tage durchgebucht, setzt oder stellt sich ins Forum und liest aus seinen Werken, beantwortet Fragen in allen Sprachen, die er fließend spricht und schreibt (Portugiesisch, Spanisch, Englisch). Wie ein Meister mit seinen Jüngern. Das wäre ein Event!

Das diesjährige Gastland Neuseeland hatte es da deutlich schwerer. Die haben nicht mal einen weltbekannten Autor. Aber sie haben sicher andere Qualitäten.

Ich ging weiter zu einem Panel, auf dem drei deutsche Journalisten über das Thema Krise und Aufbruch: Die Zukunft des Journalismus diskutierten. Teilnehmer: Verleger- sowie Schriftstellersohn sowie Verleger der Wochenzeitung der Freitag Jakob Augstein, Ex-Chefredakteur der Berliner Zeitung Uwe Vorkötter und der Blogger Michael Seemann.

Eine halbe Stunde war für die Diskussion nur angesetzt, da konnte man nicht in die Tiefe gehen. Der missmutig dreinschauende Jakob Augstein stellte gleich das Thema in Frage und sagte, der Journalismus sei gar nicht in der Krise. Es gebe bestenfalls ein Finanzierungsproblem. Es gebe nach wie vor „Qualitätsjournalismus“ und es werde ihn immer geben, welche Verbreitungswege er sich auch immer suchen werde.

Das wurde gewissermaßen common sense, wenngleich es eher eine intellektuelle Spitzfindigkeit ist. Denn natürlich leidet der Journalismus vor allem bei den „Qualitätsblättern“, wenn man gute Journalisten nicht mehr gut bezahlen kann. Uwe Vorkötter konnte von der Zeitungskrise ein Lied singen. Augstein erklärte, die Zeiten seien auch vorbei, wo etablierte Journalisten auf die Blogger geringschätzig herabblickten oder sie als Konkurrenten fürchteten.

Augstein meinte, solange junge Journalismus-Anwärter nicht für den Freitag arbeiten wollten, weil er zu schlecht bezahle, könne die Situation so schlecht ja nicht sein. Eine eher subjektive Wahrnehmung des Problems.

Auf die Frage, ob er einem jungen Menschen noch empfehlen könne, den Beruf des Journalisten zu ergreifen, antwortete Uwe Vorkötter eher düster. Wenn jemand den Beruf nur ergreifen wolle, um gutes Geld zu verdienen und die früher garantierten Annehmlichkeiten des Berufsstandes zu genießen, dann werde er wohl Schiffbruch erleiden, erst recht bei einer Zeitung. Wenn ihn aber etwas anderes antreibe (die Lust am Schreiben, Recherchieren, Aufdecken), dann werde er die zu erwartenden Entbehrungen besser ertragen (das ist meine sinngemäße Wiedergabe).

Augstein meinte, wir hätten eine Branche, die auf hohem Niveau Angst vor der Zukunft habe.

Fazit: Der Wandel in der Medienbranche hat seine guten und seine schlechten Seiten. Die Welt verändert sich nunmal, und so muss sich der Journalismus auch den neuen Verhältnissen anpassen, so wie andere Branchen das auch tun müssen.

Die Buchbranche zum Beispiel. Die befindet sich auch in einem fundamentalen Wandel. Neue Techniken (eBook, ePublishing) verdrängen alte. Doch das Interesse an Literatur, an Geschriebenem, bleibt.

Das Schöne an der Frankfurter Buchmesse ist, dass jeder dort das finden kann, was ihn interessiert. Wer auf die Buchmesse geht, nur um ein paar Promis mal aus der Nähe zu sehen, kommt auf seine Kosten.

Bekannte Namen haben es leichter, ihre Bücher zu verkaufen. Sie werden von den Verlagen geradezu dazu gedrängt, ein Buch unter ihrem Namen zu veröffentlichen, selbst wenn sie eigentlich nichts zu sagen haben.

So hatte auch TV-Moderatorin Nina Ruge ein neues Buch zu präsentieren: Was fühlt mein Hund? Was denkt mein Hund?

Wer sollte sich dafür interessieren, was Nina Ruges Hund denkt und fühlt? Aber es gibt ja millionen Hundebesitzer, die sich das wahrscheinlich auch jeden Tag fragen, was ihr Hund denkt und fühlt. Ob Nina Ruge etwas Allgemeingültiges und Relevantes zu diesem sicher interessanten Thema beitragen kann? Ich weiß es nicht, es interessiert mich auch nicht. Aber das Buch findet wahrhscheinlich trotzdem viele Käufer, weil eine Promi-Nase den Umschlag ziert. Demnächst heisst es dann: Was fühlt meine Rosenhecke? Was denkt meine Mikrowelle?

Ich wollte jedenfalls noch wissen, wie man als No Name eigentlich ein Buch veröffentlicht, wenn man nicht alles selbst machen will (und kann).

Ich suchte daher in Halle 6.0 die Literaturagenten auf. Sie trennen die Spreu vom Weizen und können einem die Türen zu den Verlagen öffnen, auf Provisionsbasis.

Leider bekam man spontan keinen Termin bei ihnen, den musste man schon vor der Messe vereinbart haben. Mein Exposé blieb also in meiner Tasche.

Ich bekam aber ein Faltblatt mit, auf dem die wichtigsten Tipps und Ratschläge aufgeführt werden. Auf einer weiteren Liste waren alle Agenten, national wie international, aufgelistet.

Ich schloss meinen Buchmesse-Tag mit einem Highlight ab: Harry Rowohlt liest im Lesezelt aus Mark Twain Meine geheime Autobiographie.

Harry Rowohlt mit Übersetzer
Harry Rowohlt (re.) mit Twain-Übersetzer Hans-Christian Oeser

Der us-amerikanische Schriftsteller hatte verfügt, dass seine Autobiographie erst 100 Jahre nach seinem Tod veröffentlicht werden dürfe. So konnte er befreiter vom Leder ziehen. Der Aufbau-Verlag hat sie nun auf Deutsch veröffentlicht.

Und Harry Rowohlt war mit seiner tiefen Whiskey-Stimme der richtige Vorleser, denn es war gewissermaßen Twains Stimme aus dem Grab, die zu den Lesern/Hörern sprechen sollte.

Rowohlt hatte natürlich immer wieder einige witzige eigene Anekdoten einzubringen. So war die einstündige Lesung sehr kurzweilig und amüsant.

Ein spannender Tag ging zu Ende. Und ich bedauerte, nicht noch einen Tag länger bleiben zu können.

Auf der Frankfurter Buchmesse 2012 – Wie werde ich Schriftsteller?

Paulo Coelho und sein „In Accra gefundenes Manuskript“

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