Au revoir – Heute vor zwei Jahren wäre mein Todestag gewesen

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Gestorben wäre ich an einem Wasserfall mitten im Hinterland von Minas Gerais in Brasilien. Es war der vorletzte Tag unserer dreiwöchigen Ferien, die ich zusammen mit meinen beiden deutsch-brasilianischen Kindern in Brasilien verbracht hatte. Wir waren zusammen mit der Frau und dem Sohn eines Onkels aus Belo Horizonte über’s Wochenende auf’s Land gefahren, wo sie ein Haus und Grundstück besitzen.

Ich rutschte auf dem Weg zu einem Wasserfall auf einem glitschigen Stein aus und krachte mit voller Wucht mit meinem Kopf auf einen Felsen. Meine Sonnenbrille, die ich in dem Moment trug, ging zu Bruch und ein Splitter steckte am unteren Augenlid nahe des Augapfels fest. Ich spürte den kräftigen Schlag am Kopf, blieb jedoch bei Bewusstsein. Ich richtete mich auf und bemerkte, wie die Leute um mich herum, die an diesem heißen Sonntag den beliebten Wasserfall frequentierten, aufgeregt in meine Richtung eilten. Offenbar hatte ich eine sichtbare Verletzung davongetragen. Und tatsächlich: als ich mit der rechten Hand an die Schläfe fasste und sie mir vor Augen führte, sah ich, dass sie voller Blut war.

Ich hatte gut drei Jahre zuvor einen ähnlichen Vorfall in Porto Seguro erlebt. Ich war kopfüber ins Meer gesprungen und während ich mich auf meiner Flugbahn befand, bemerkte ich, wie sich das Wasser zurückzog und entgegen meiner Vermutung deutlich flacher war als angenommen. Ich schrammte mit meiner Kopfhaut über den Sand, und als ich auftauchte, näherten sich mir die umstehenden Badegäste entsetzt. Ich war blutüberströmt. Der sandige Meeresboden hatte meine Haare bis auf die Kopfhaut abgeschmirgelt. Wenige Tage zuvor hatte ein ausländischer Tourist bei einem ähnlichen Kopfsprung sein Leben verloren, wie mir die Einheimischen kurz darauf berichteten…

Nun also ein unvorhersehbarer Sturz am Wasserfall. Sofort zog ich mein weißes Shirt aus, tauchte es in das kalte Wasser in meiner Nähe und drückte das nasse Tuch auf die verletzte Stelle. Der Onkel meiner Kinder kam herbeigeeilt und führte mich zügig zum Auto zurück, aus dem ich erst kurz zuvor entstiegen war. Wir fuhren mehrere Kilometer über eine Schotterpiste zum nächsten Landarzt. Die Krankenschwestern vor Ort versorgten sofort die große Platzwunde an meiner Augenbraue und wuschen sie mit NaCl aus. Der in die Jahre gekommene Landarzt tauchte auf, begutachtete die Verletzung und sah sich sogleich außerstande, sie zu nähen. Das sei Sache für einen plastischen Chirurgen im 150 km entfernten Belo Horizonte, beschied er. ‚War’s wirklich so schlimm?‘, dachte ich erschrocken. Noch hatte ich die Wunde selbst nicht in Augenschein nehmen können. Die nächste Gesundheitsstation in dem nächstgrößeren Ort war auf dem Weg nach Belo Horizonte. Die Schwestern verpassten mir abschließend einen Druckverband und entließen mich.

So sah ich nach dem Sturz vor dem Rückflug von Belo Horizonte nach Berlin aus

Wir fuhren zurück zum Haus des Onkels, um unsere Sachen zu packen und meinen Mietwagen abzuholen. Dann machten wir uns auf den Rückweg, machten in Piedade dos Gerais halt, um die dortige Dorfstation aufzusuchen.

Der diensthabende Arzt war schnell zur Stelle und schüttelte nur den Kopf ob der Aussage des anderen Landarztes. Er führte mich sogleich zur OP-Liege, verpasste mir eine lokale Betäubung und fing an, die Wunde zu nähen. Meine zutiefst besorgten und erschrockenen Kinder, der Onkel mit seiner Familie warteten bang vor der Tür. Der Arzt machte einen sehr ruhigen und professionellen Eindruck und war sehr freundlich. Während er an mir herumnähte, führten wir ein lockeres Gespräch. Ich war sehr entspannt und übergab mich bei vollem Bewusstsein vertrauensvoll in seine Hände. Als ich ihm erzählte, dass ich Deutscher sei, kamen wir natürlich gleich auf die WM gut zwei Jahre zuvor in Brasilien zu sprechen und auf das 7:1-Debakel, das die Seleção von der DFB-Elf eingeschenkt bekommen hatte. Ich hatte das Bild von Basti Schweinsteiger vor Augen, der während des Finales gegen Argentinien eine Platzwunde unter dem rechten Auge erlitten hatte, woraufhin er schnurstracks an den Spielfeldrand ging, wo ein DFB-Arzt bereitstand, um die stark blutende Wunde zügig zu tackern. Basti kehrte sogleich auf’s Spielfeld zurück. Ich dachte damals voller Respekt: meine Herren, diese Jungs sind echt hart im Nehmen!

Nun lag ich als Deutscher auf einer OP-Liege eines Landarztes mitten in der brasilianischen Pampa mit einer Platzwunde und nahm mir Basti zum Vorbild. Ich klagte nicht, weinte nicht, verzweifelte nicht. Ich nahm das Schicksal wie es eben kam. Ändern konnte ich es eh nicht. Ich wollte auch meinen Kindern ein Beispiel geben, wie man mit einer solchen Situation umgeht.

Ich scherzte, während der Arzt die Fäden zog: ich sei ja mal gespannt, wie viele Stiche es am Ende werden würden. „7 zu 1 !“ tippte ich forsch. Sieben oben und einer unten am Lid, wo der Splitter meiner Sonnenbrille eingedrungen war. Die Schwestern der anderen Station hatten ihn nicht bemerkt oder sich nicht drangetraut. Der Arzt, der mich jetzt operierte, entfernte ihn vorsichtig und gestand, dass so gut wie nichts gefehlt habe, um in den Augapfel einzudringen und mich auf dem rechten Auge blind zu machen. Ich könne Gott danken, dass ich verhältnismäßig glimpflich davongekommen sei, sagte er.

Schließlich war alles vernäht. „Und? Wie viele Stiche sind es geworden?“, fragte ich den Doktor. Er zählte nach und erwiderte, selbst ungläubig stutzend: „Sieben oben, einer unten!“ Wir mussten beide kopfschüttelnd lachen ob dieser Koinzidenz.

Ich fragte den Arzt, ob er ein Problem darin sehe, dass unser Rückflug nach Deutschland für den nächsten Tag gebucht sei. Sein Gesichtsausdruck wurde sehr ernst und nachdenklich. Er war sehr skeptisch. Ich solle auf jeden Fall am nächsten Tag ein Krankenhaus in Belo Horizonte aufsuchen, um eine Röntgenaufnahme bzw. ein MRT machen zu lassen, um zu sehen, ob mein Schädel nicht einen Bruch erlitten oder sich im Gehirn ein Gerinnsel gebildet habe. Er entließ mich und wünschte mir viel Glück.

Es war schon später Abend, als wir die Rückfahrt nach Belo antraten, von wo aus unser Rückflug nach Deutschland abging. Die Verwandtschaft war schockiert, mich solcherart vom Landausflug zurückkommen zu sehen.

Am nächsten Morgen suchte ich eine nahegelegene Gesundheitsstation auf, um die Wunde versorgen zu lassen. Als die diensthabende Ärztin die Verbände abgenommen hatte, erschrak sie. Sie hielt es für ausgeschlossen, am selben Nachmittag einen so langen Flug antreten zu wollen. Ich solle auf jeden Fall erst in einem Krankenhaus den Schädel untersuchen lassen. Ich bat um einen Spiegel, um endlich mal die Wunde ohne Verband in Augenschein nehmen zu können. Der Anblick fuhr mir so in die Glieder, dass mir umgehend schwindelig wurde und ich mich hinlegen musste, bis sich mein Kreislauf wieder gefangen hatte.

Aber ich sah keine Chance, angesichts der knappen Zeit noch ein Krankenhaus aufzusuchen. Wir mussten ja noch unsere Koffer packen, den Mietwagen zurückbringen und rechtzeitig am Flughafen sein. Umbuchen kam für mich nicht infrage. Das Ende der Sommerferien stand bevor und ich hatte meinen Schuldienst als Grundschullehrer wieder anzutreten. Ich war ohnehin überzeugt, dass mein Dickschädel den Schlag ohne Blessuren überstanden hatte. Es gab keinerlei Symptome, die auf andere Schäden hingedeutet hätten. Ich fühlte mich reisetauglich.

Ich ließ die Wunde versorgen und verbinden und kehrte zum Haus der Verwandtschaft zurück, um alles zu erledigen Es gab keine Zeit zu verlieren.

Dann brachen wir zum Flughafen auf.

Am Check-In Schalter inspizierte mich die Stewardess besorgt und misstrauisch, wollte wissen, was passiert sei. Sie war drauf und dran ein ärztliches Attest zu verlangen, bevor sie mich für den Flug zulassen wollte. Doch ich konnte sie beruhigen, beteuerte, es sehe schlimmer aus als es sei, es handle sich nur um eine Platzwunde, die genäht worden sei. Zögerlich und nach längerem Zureden beendete sie den Check-In und händigte uns die Flugunterlagen aus. Wir konnten den Flug antreten.

Während des zehnstündigen Transatlantikfluges spürte ich allerdings, dass die klimatisierte Luft und der Luftdruck meiner Verletzung nicht guttaten. Die Wunde fing an zu schwellen.

Bei der Passkontrolle beim Zwischenstopp in Portugal schlug mir wieder Besorgnis und Misstrauen entgegen. Ob ich wirklich in der Verfassung sei, den Weiterflug anzutreten, fragte der Beamte. Doch nachdem ich den längsten Part überstanden hatte, sollte das letzte Stück nach Berlin wohl kein Problem sein, versicherte ich ihm. Er winkte mich schließlich durch.

Ich kam verhältnismäßig heil aber auch sehr erschöpft und angeschlagen in Berlin an. Am nächsten Tag suchte ich sogleich das Benjamin Franklin Krankenhaus in Steglitz auf. Dort wollte man meine Geschichte kaum glauben. Es wurde gleich ein MRT gemacht. Und die Ärzte staunten nun noch mehr, dass der Sturz keinerlei Fraktur hinterlassen hatte, auch kein Blutgerinnsel im Gehirn. Es sei sehr riskant gewesen, den Flug anzutreten, ohne mich dessen vorher zu vergewissern, rügten sie mich. Es hätte meinen Tod bedeuten können, versicherten sie. Ansonsten würdigten sie die Handwerkskunst des Landarztes. Die Wunde sei nach allen Regeln der Kunst genäht worden. In einigen Tagen solle ich wiederkommen, um die Fäden ziehen zu lassen.

Es war alles nochmal gut gegangen. Der liebe Gott hatte nochmal ein Nachsehen mit mir gehabt und meine Frist verlängert. Ich musste an Michael Schumacher denken, der knapp drei Jahre zuvor im Skiurlaub mit seinem BEHELMTEN Kopf auf einen Felsen aufgeschlagen war. Und obwohl der Helm sicher das Beste war, was die moderne Technologie zu bieten hatte, hing sein Leben nach dem Sturz am seidenen Faden, der große Schumi lag wochenlang im Koma und befindet sich in einer jahrelangen Rehabilitation. Merke: Geld und Ruhm schützen nicht vor der gewaltigen Macht des Schicksals.

Ich konnte nur staunend den Kopf schütteln ob meines Glückes.

Als ich in meiner Schule zur ersten Lehrerkonferenz vor Schulbeginn auftauchte, war der Schrecken bei den Kollegen groß. Die Schüler waren wenige Tage darauf noch entsetzter, als sie mich sahen. Ich war Gesprächsthema Nummer Eins auf dem Schulhof. Ich war allerdings darauf vorbereitet und erlaubte mir einen Scherz und erzählte eine wilde Geschichte. Die Schüler wussten ja, dass ich die Ferien in Brasilien verbracht hatte. Also erzählte ich, ich sei mit Verwandten im Dschungel unterwegs gewesen und meinen Begleitern vorausgegangen. Ich sei an einen Fluss gelangt, wo ich mich habe erfrischen wollen. Kaum angekommen, fuhr mir ein Schreck durch die Glieder: Ich war nicht alleine . Am anderen Ufer befand sich ein Jaguar, der sich ebenfalls gerade erfrischte! (Atemlose Stille!) Von mir aufgeschreckt, habe er sich sofort daran gemacht, den flachen Fluss zu überqueren, um mich anzugreifen. Geistesgegenwärtig hätte ich einen Ast ergriffen, der zufällig zu meinen Füßen gelegen habe. Und als Jaguar auf mich zugesprungen sei, hätte ich ihm mit voller Kraft einen so kräftigen Schlag gegen den Kopf versetzt, dass der Körper taumelnd an mir vorbeiflog. Doch die Krallen einer Tatze streiften dabei mein rechtes Auge und hinterließen diese hässliche Wunde…

Die Kinder waren zutiefst beeindruckt. Selbst die bösen Jungs, die sonst keinerlei Respekt vor Lehrern zeigten und bloß durch ihre große Klappe auffielen, schauten mich mit großen Augen an und hatten keine Worte mehr.

Ich war ein Held! Die Geschichte verbreitete sich rasend schnell. In der ersten Hofpause wurde ich von allen Seiten bestürmt, alle wollten wissen, ob sich die Geschichte tatsächlich so zugetragen habe, wie kolportiert wurde, was ich natürlich bestätigte.

Ich wollte die Geschichte am Ende selbst auflösen, doch eine Kollegin machte mir einen Strich durch die Rechnung. Obwohl ich alle Kollegen inklusive Schulleitung vorher eingeweiht hatte und sie es in Ordnung gefunden hatten, diese spannende Abenteurergeschichte zum Besten zu geben, verriet diese Kollegin ihrer Klasse schon in der nächsten Doppelstunde, dass ich in Wahrheit an einem Wasserfall ausgerutscht sei. Nun denn, Spielverderber gibt es immer und überall.

Was bleibt ist eine Narbe und Dankbarkeit darüber, dass es am Ende so glimpflich ausgegangen ist. Der Vorfall diente mir als erneuter Beweis dafür, dass ich Erstens nicht so schnell kaputt zu kriegen bin und Zweitens der Liebe Gott mal wieder seine schützende Hand über mich gehalten hatte. Es war nicht das erste Mal. Und ich fragte mich: Wieso tut er das? Das muss doch einen Grund haben? Was hat er mit mir vor? Welchen Auftrag habe ich zu erfüllen?

Der Schlag ließ zumindest zur Gewissheit werden, dass ich keine Zeit mehr zu verlieren hatte. Das Leben ist endlich. Es kann dich überall und jederzeit erwischen. Also verschiebe nicht auf morgen, was Du heute kannst besorgen. Ich entschied mich, endlich in die Tat umsetzen, wovon ich seit vielen Jahren träumte: meinen Lebensmittelpunkt nach Brasilien zu verlagern. Ich hatte in der Vergangenheit schon Anstalten dazu gemacht, war aber immer wieder auf Widerstände gestoßen, die der Realisierung im Wege gestanden hatten und überwunden werden mussten. Doch jetzt sollte es kein Aber mehr geben.

Ich hatte längst die Nase gestrichen voll von alledem, was ich in meinem bisherigen Leben erfahren und erlebt hatte: eine frustrierende familiäre Situation angesichts der Scheidung von meiner brasilianischen Ex-Frau; vermeintlich beste Freunde, die nie da waren, wenn man sie brauchte; die Medienbranche, in der ich so viele Jahre gearbeitet hatte und deren Ignoranz, Eitelkeit und Verlogenheit zum Himmel stinkt; der Schulbetrieb, der zerrieben wird zwischen den ihn gestellten Ansprüchen und der nackten Wirklichkeit, der ausbaden muss, was eine unfähige Politik in der Gesellschaft anrichtet; eine Stadt (Berlin), deren politische Führung und Verwaltung nur noch als Totalversagen abgestempelt werden kann; ein Land, das zwar über alles und jedes ewig und drei Tage debattiert (am liebsten in politischen Talkshows), aber seit Jahren nicht zu wirklichen, pragmatischen Reformen fähig ist…Ich hatte sowas von die Schnauze voll, dass ich nur noch weg wollte. Es gibt einen Song, der das treffender nicht zum Ausdruck bringen konnte, was ich fühlte:

Ich kündigte meinen Vertrag und siedelte noch im selben Jahr nach Brasilien über.

 

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